Heinz Wam­ser ist Pati­en­ten­für­spre­cher am kbo-Isar-Amper-Kli­ni­kum und wur­de im Herbst 2025 zum 2. Vor­sit­zen­den des BPiK gewählt. Im Inter­view spricht er über die Beson­der­hei­ten der Pati­en­ten­für­spra­che in der Psych­ia­trie, die Bedeu­tung von Unab­hän­gig­keit und war­um das Zuhö­ren oft das wich­tigs­te Werk­zeug ist, um Brü­cken zwi­schen Patient:innen und Kli­nik­per­so­nal zu bau­en.

Foto: kbo Isar Amper Klinikum Region München

Foto: kbo Isar Amper Kli­ni­kum

BPiK: Herr Wam­ser, könn­ten Sie bit­te kurz Ihre Rol­le beschrei­ben und erläu­tern, was die Pati­en­ten­für­spra­che am kbo-Isar-Amper-Kli­ni­kum aus Ihrer Sicht beson­ders macht?

Heinz Wam­ser: Als Pati­en­ten­für­spre­cher in einer psych­ia­tri­schen Ein­rich­tung wie dem kbo-Isar-Amper-Kli­ni­kum unter­schei­det sich mei­ne Arbeit grund­le­gend von der in der Soma­tik. Wir haben es hier mit Men­schen zu tun, die auf­grund ihrer Krank­heits­bil­der oft eine ver­scho­be­ne Wahr­neh­mung haben. Situa­tio­nen wer­den manch­mal ganz anders erlebt, als sie objek­tiv für Außen­ste­hen­de erschei­nen. Mei­ne Auf­ga­be ist es, den Patient:innen den Raum zu geben, sich zu äußern. Sie sol­len spü­ren: Da steht jemand an mei­ner Sei­te, der mir zuhört, ohne mich sofort in ein medi­zi­ni­sches Ras­ter zu ste­cken.

BPiK: Wie unter­schei­det sich das kon­kret vom klas­si­schen Beschwer­de­ma­nage­ment?

Heinz Wam­ser: Das Beschwer­de­ma­nage­ment ist eine insti­tu­tio­nel­le Ein­rich­tung der Kli­nik. Ich hin­ge­gen bin eine unab­hän­gi­ge Ver­trau­ens­per­son. Vie­le Pati­en­ten in der Psych­ia­trie haben das Gefühl, fremd­be­stimmt zu sein. Wenn ich ihnen signa­li­sie­re „Ich neh­me dich ernst“, dees­ka­liert das oft schon die gesam­te Situa­ti­on. Ich bin kein Teil des the­ra­peu­ti­schen Teams. Das ist wich­tig, weil die Pati­en­ten wis­sen: Was sie mir sagen, lan­det nicht auto­ma­tisch in der Kran­ken­ak­te, sofern sie es nicht wün­schen. Wir schaf­fen eine Ebe­ne, auf der sich der Pati­ent als Mensch und nicht nur als Fall­num­mer fühlt.

BPiK: Wie ist Ihre Rol­le im Kli­ni­kum ver­an­kert, und wie steht es um Ihre Unab­hän­gig­keit?

Heinz Wam­ser: Ich bin völ­lig wei­sungs­un­ge­bun­den. Das ist die Basis mei­ner Glaub­wür­dig­keit. Aber Unab­hän­gig­keit bedeu­tet nicht Iso­la­ti­on. Im Gegen­teil: Wir sind im kbo her­vor­ra­gend ver­netzt. Ich habe regel­mä­ßi­ge Ter­mi­ne mit dem Qua­li­täts­ma­nage­ment und der Pfle­ge­dienst­lei­tung. Wir haben eige­ne Büros, sind über Fly­er und Aus­hän­ge auf jeder Sta­ti­on prä­sent und für jeden Pati­en­ten nie­der­schwel­lig erreich­bar.

BPiK: Ein schwie­ri­ges The­ma in der Psych­ia­trie ist die Schwei­ge­pflicht und die Ein­wil­li­gung. Wie gehen Sie damit um?

Heinz Wam­ser: Das ist in der Tat ein Balan­ce­akt. Wir arbei­ten oft mit Pati­en­ten, bei denen die Ein­wil­li­gungs­fä­hig­keit hin­ter­fragt wer­den muss. Hier ist Fin­ger­spit­zen­ge­fühl gefragt. Ich arbei­te eng mit den gesetz­li­chen Betreu­ern zusam­men, ach­te aber pein­lich genau dar­auf, dass der Wil­le des Pati­en­ten im Zen­trum steht. Ohne eine kla­re Ent­bin­dung von der Schwei­ge­pflicht darf ich nicht mit den Ärz­ten über den Fall reden. Das erklä­re ich den Pati­en­ten sehr trans­pa­rent – das schafft zusätz­li­ches Ver­trau­en, weil sie mer­ken, dass ich ihre Rech­te ach­te.

BPiK: Wie hat sich die Pati­en­ten­für­spra­che über die Jah­re ent­wi­ckelt? Was waren die Mei­len­stei­ne?

Heinz Wam­ser: Frü­her war die Pati­en­ten­für­spra­che oft ein rei­nes „Abnick-Gre­mi­um“. Das hat sich mas­siv gewan­delt. Wir haben heu­te eine ech­te Feed­back-Kul­tur. Ein ent­schei­den­der Schritt war die Erkennt­nis, dass wir eine Brü­cken­funk­ti­on ein­neh­men. Wir dees­ka­lie­ren Kon­flik­te oft schon, bevor sie sich ver­här­ten. Wenn es zum Bei­spiel Streit um die Medi­ka­ti­on oder die Besuchs­zei­ten gibt, gehen wir als Mode­ra­to­ren rein. Wir haben gelernt, dass wir als Pati­en­ten­für­spre­cher auch für das Per­so­nal eine Ent­las­tung sein kön­nen. Wir neh­men den emo­tio­na­len Druck aus den Gesprä­chen, für den das Pfle­ge­per­so­nal im stres­si­gen All­tag oft nicht die nöti­ge Zeit hat.

BPiK: Gab es Wider­stän­de bei die­ser Ent­wick­lung?

Heinz Wam­ser: Anfangs gab es natür­lich Skep­sis. „Was will der Ehren­amt­li­che hier auf Sta­ti­on?“ war eine Fra­ge, die man zwi­schen den Zei­len spü­ren konn­te. Wir haben die­se Wider­stän­de durch Prä­senz und Ver­läss­lich­keit abge­baut. Heu­te wer­den wir aktiv geru­fen, wenn die Kom­mu­ni­ka­ti­on stockt. Wir sind Part­ner des Qua­li­täts­ma­nage­ments gewor­den. Wenn ich sehe, dass auf einer Sta­ti­on immer wie­der die­sel­ben Pro­ble­me auf­tre­ten – sei es beim Essen oder beim Umgangs­ton –, dann adres­sie­re ich das direkt an die Kli­nik­lei­tung. Und das Schö­ne ist: Es wird zuge­hört und nach Lösun­gen gesucht.

BPiK: Wel­chen Nut­zen zieht das Kli­ni­kum aus Ihrer Arbeit, wenn man es nicht als „Bera­tung“, son­dern als Teil der Qua­li­täts­si­che­rung betrach­tet?

Heinz Wam­ser: Wir sind ein Früh­warn­sys­tem. Wir decken struk­tu­rel­le Schwä­chen auf, die im Kli­nik­all­tag oft über­se­hen wer­den. Ein Bei­spiel: Pati­en­ten haben sich über die Erreich­bar­keit der Tele­fo­ne beschwert. Das klingt klein, ist aber für die sozia­le Anbin­dung essen­zi­ell. Wir haben das kom­mu­ni­ziert, und es wur­de geän­dert. Sol­che Rück­mel­dun­gen aus der Pati­en­ten­sicht sind Gold wert für ein Haus, das sich ver­bes­sern will. Wir för­dern die Pati­en­ten­zu­frie­den­heit aktiv, und ein zufrie­de­ner Pati­ent ist ein Pati­ent, der schnel­ler gesund wird und die Kli­nik wei­ter­emp­fiehlt.

BPiK: Sie erwähn­ten auch die Ange­hö­ri­gen. Wel­che Rol­le spie­len sie in Ihrem All­tag?

Heinz Wam­ser: Eine rie­si­ge Rol­le! Oft sind die Ange­hö­ri­gen noch ver­zwei­fel­ter als die Pati­en­ten selbst. Sie ver­ste­hen das Sys­tem nicht, füh­len sich aus­ge­schlos­sen. Wir fun­gie­ren hier als Lot­sen. Wir erklä­ren Abläu­fe, ver­mit­teln Gesprä­che mit den Ärz­ten und geben den Ange­hö­ri­gen eine Stim­me. Das ent­las­tet die Sta­tio­nen enorm von Erklä­rungs­auf­wand und baut Aggres­sio­nen ab, die oft nur aus Unwis­sen­heit ent­ste­hen.

BPiK: Was muss sich poli­tisch oder struk­tu­rell noch ändern?

Heinz Wam­ser: Wir brau­chen bun­des­weit ein­heit­li­che Stan­dards. Es darf nicht vom Bun­des­land abhän­gen, wie stark die Rech­te der Pati­en­ten sind. Wir for­dern eine kla­re Pro­fes­sio­na­li­sie­rung: Aus­bil­dung, fes­te Res­sour­cen und eine ange­mes­se­ne Auf­wands­ent­schä­di­gung für die­se anspruchs­vol­le Auf­ga­be. Pati­en­ten­für­spra­che darf kein „Nice-to-have“ sein, son­dern muss ein inte­gra­ler Bestand­teil jedes Kran­ken­hau­ses wer­den.

BPiK: Zum Abschluss: Was bedeu­tet Ihnen die­se Arbeit per­sön­lich?

Heinz Wam­ser: Es ist mei­ne Lebens­ein­stel­lung. Es mag ein­fach klin­gen, aber es ist zutiefst befrie­di­gend, ande­ren Men­schen hel­fen zu kön­nen. Wenn ich mer­ke, dass ein Pati­ent durch mei­ne Ver­mitt­lung wie­der Mut fas­sen kann oder ein Kon­flikt fried­lich gelöst wird, dann weiß ich, war­um ich das mache. Ich bin in der Kli­nik geschätzt, die Pati­en­ten ken­nen mich – man­che rufen mich sogar noch Jah­re nach ihrer Ent­las­sung an, nur um „Dan­ke“ zu sagen oder eine kur­ze Fra­ge zu stel­len. Das zeigt mir: Wir sind immer erreich­bar, wir sind da. Das ist geleb­te Mensch­lich­keit im Sys­tem.

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